Geschichten

Manchmal lässt sich Gesichtsblindheit besser über Situationen begreifen als über Definitionen. Die folgenden vier Geschichten sind erfunden bzw. anonymisiert - die Situationen, die sie beschreiben, sind es nicht.

„Du kennst mich doch!"

Anna steht samstags auf dem Wochenmarkt. Zwischen den Ständen entdeckt sie einen Mann, der sie freundlich anlächelt.

„Hallo Anna!"

„Hallo!", antwortet sie automatisch.

Der Mann geht weiter. Anna schaut ihm kurz hinterher. Irgendetwas an ihm kommt ihr bekannt vor. Aber sie kann ihn nicht einordnen.

Sie kennt das Gefühl. Manchmal erkennt sie Menschen erst, wenn sie mit ihnen gesprochen hat. Bei manchen braucht sie sogar mehrere Begegnungen.

Eine Woche später passiert es wieder.

„Hallo Anna!"

Diesmal bleibt der Mann stehen.

„Du weißt doch noch, wer ich bin?"

Anna lächelt etwas verlegen.

„Ehrlich gesagt … nein."

Der Mann lacht.

„Wir kennen uns doch schon seit Jahren!"

Jetzt dämmert es ihr.

„Moment mal – du bist doch Thomas?"

„Na endlich!"

Beide müssen lachen. Thomas ist nicht böse. Im Gegenteil, er findet die Situation inzwischen eher amüsant.

„Ich dachte schon, du bist manchmal ein bisschen kurz angebunden."

„Bin ich überhaupt nicht. Ich erkenne dich nur nicht immer."

„Wie bitte?"

Anna erklärt ihm, dass sie Gesichter nicht zuverlässig wiedererkennen kann. Menschen, die sie häufig sieht, erkennt sie meistens an einer Kombination aus Stimme, Bewegung, Kleidung, Frisur oder dem Zusammenhang, in dem sie ihnen begegnet. Aber trifft sie jemanden unerwartet an einem anderen Ort, kann es passieren, dass sie überhaupt nicht weiß, wer vor ihr steht.

Thomas schaut sie einen Augenblick an.

„Und ich dachte immer, du bist einfach vergesslich."

„Das dachte ich lange selbst."

Einige Wochen später treffen sie sich wieder auf dem Markt. Schon von weitem ruft Thomas:

„Anna! Der Bratwurstmann!"

Anna muss lachen. Diesmal erkennt sie ihn sofort. Nicht an seinem Gesicht. Sondern an seinem unverwechselbaren Ruf.

Seitdem hat Thomas eine neue Angewohnheit: Wenn er Anna irgendwo überraschend begegnet, sagt er einfach seinen Namen. Und Anna ist ihm dafür dankbar. Denn für sie ist das keine Peinlichkeit mehr. Es ist einfach eine andere Art, Menschen zu erkennen.

„Moin, ich bin's wieder!"

Susanne arbeitet seit vier Wochen in einem neuen Büro mit über vierzig Kolleginnen und Kollegen. Die Namen hat sie sich längst gemerkt – nur nicht, wem sie gehören.

In der Kaffeeküche begrüßt sie jemanden freundlich mit „Morgen!", ohne zu wissen, wer es ist. Am Empfang grüßt sie eine Kollegin zweimal am selben Tag, weil sie nicht sicher ist, ob sie ihr schon begegnet ist.

Nach zwei Wochen fällt ihr ein Kollege namens Jan besonders auf – nicht, weil sie sein Gesicht wiedererkennt, sondern weil er jedes Mal, wenn er an ihrem Schreibtisch vorbeikommt, kurz sagt: „Moin, ich bin's, Jan aus dem Vertrieb."

Zuerst denkt Susanne, das sei einfach seine Art. Erst nach einigen Wochen fragt sie ihn, warum er das macht.

Jan lacht. „Ich hab schnell gemerkt, dass du dir bei Gesichtern schwertust. Bei uns in der Familie ist das ähnlich – da hat man mir erklärt, wie sich das anfühlt."

Susanne ist erleichtert. Sie erzählt ihm, dass sie selbst noch nie ein Wort dafür hatte, obwohl es sie ihr Leben lang begleitet.

Von da an behält Jan die Angewohnheit nicht für sich. Beiläufig gibt er den Tipp an ein paar Kollegen weiter: „Sagt einfach kurz euren Namen, wenn ihr Susanne über den Weg lauft, das macht's ihr leichter."

Niemand macht ein großes Thema daraus. Aber innerhalb weniger Wochen fühlt sich Susanne im neuen Büro spürbar sicherer – nicht weil sie plötzlich Gesichter erkennt, sondern weil sie sich nicht mehr verstellen muss.

„Alle auf einen Blick"

Julia hat sich lange auf diesen Nachmittag gefreut. Verlobungsfeier im Garten von Michaels Eltern – gutes Wetter, ein langer Tisch, viele Menschen, die sie zum ersten oder zweiten Mal trifft.

Michael hat es ihr vorher gesagt: „Meine Eltern, mein bester Freund Tobi mit seinen Eltern, und die Nachbarn von nebenan kommen auch – die mit den beiden Kindern, die du letztes Jahr auf der Grillfeier kennengelernt hast."

Klingt überschaubar. Ist es nicht.

Kaum im Garten angekommen, begrüßt sie ein Mann herzlich mit Handschlag. „Julia! Schön, dich wiederzusehen." Sie lächelt zurück, ohne die leiseste Ahnung, ob das nun Michaels Vater ist oder der Vater von Tobi.

Sie hakt sich bei Michael unter. „Kurze Frage – der Mann in dem karierten Hemd?"

„Das ist mein Vater."

„Und der daneben, mit der gleichen Statur?"

„Tobis Vater. Ich weiß, die beiden sehen sich von Weitem ziemlich ähnlich."

Julia atmet durch. Zwei erledigt, und schon kommen die nächsten: eine Frau mit zwei Teenagern im Schlepptau, die alle drei winken, als würde man sich seit Jahren kennen.

„Die Nachbarn", flüstert Michael. „Die Kinder waren letztes Jahr noch viel kleiner, keine Sorge, die erkennst du wirklich niemand wieder."

Das beruhigt sie kurz – bis eine der Teenagerinnen direkt auf sie zukommt. „Hallo Julia! Ich bin's, Lena, von nebenan. Wir haben letztes Jahr zusammen das Lagerfeuer angezündet, wissen Sie noch?"

Julia erinnert sich an das Lagerfeuer. An das Gespräch. An den Geruch von Stockbrot. Nur nicht an das Gesicht, das jetzt vor ihr steht – ein Jahr älter, andere Frisur, ein ganzes Stück gewachsen.

„Lena! Natürlich", sagt Julia – und meint es sogar ehrlich, nur eben ohne das Gesicht dazu.

Am Abend, beim Aufräumen, erzählt Julia Michael von ihrem Nachmittag: „Ich glaube, ich habe deinen Vater dreimal neu begrüßt und Tobis Mutter für deine gehalten."

Michael lacht nicht darüber – aber er nimmt es ernst. „Dann machen wir das nächste Mal anders. Ich stell dir jeden kurz mit Namen und ein, zwei Worten vor, bevor wir auseinandergehen. Und bei den Kindern von nebenan sag ich dir vorher, wer wie viel gewachsen ist."

Bei der nächsten Familienfeier – diesmal bei Julias Eltern – hält Michael sich daran. Ein kurzes „Das ist Onkel Werner, Papas jüngerer Bruder" hier, ein „Und das sind die Zwillinge von der Cousine, die sehen sich zum Verwechseln ähnlich" dort.

Julia braucht diese Sätze nicht bei jedem. Aber bei den Menschen, die neu in ihr Leben treten – neue Schwiegereltern, die Eltern eines Freundes, Nachbarskinder, die über Nacht erwachsen werden – machen sie den entscheidenden Unterschied. Nicht weniger Menschen kennenzulernen, sondern sie sich leichter merken zu können.

„Nicht, dass ich wüsste"

Es war nur eine kurze Begegnung gewesen.

Ein Geschäftspartner war für etwa drei Stunden in einer Firma zu Gast. Ein Mitarbeiter hatte ihn eingewiesen, beide hatten miteinander gesprochen, Fragen geklärt und sich anschließend wieder verabschiedet.

Danach verloren sie sich aus den Augen.

Etwa ein Jahr später fand eine Verkäufertagung statt. Viele Menschen waren dort, bekannte und weniger bekannte Gesichter. Der Mitarbeiter unterhielt sich, ging durch den Raum und sah plötzlich einen Mann auf sich zukommen.

Er sah ihn an und sagte: „Wir kennen uns ja."

Der Mitarbeiter sah ihn an. Er wusste nicht, wer er war. Also antwortete er ehrlich:

„Nicht, dass ich wüsste."

Im Gesicht des anderen war sofort zu erkennen, dass ihn diese Antwort getroffen hatte. Er war sauer.

Für ihn war die Sache vermutlich ganz einfach: Sie hatten vor einem Jahr mehrere Stunden miteinander verbracht. Sie hatten sich unterhalten. Er kannte den Mitarbeiter – und der behauptete nun, ihn nicht zu kennen. Was sollte er davon halten?

Damals wusste der Mitarbeiter selbst nicht, was passiert war. Er hielt sich weder für unhöflich noch für vergesslich. Er hatte diesen Mann tatsächlich nicht erkannt.

Erst Jahre später sollte er verstehen, was hinter dieser merkwürdigen Situation gesteckt hatte. Er hatte den Mann nicht vergessen. Er hatte dessen Gesicht nie zuverlässig abgespeichert.

Für den Geschäftspartner war die Begegnung ein Jahr zuvor eine Erinnerung an einen Menschen. Für den Mitarbeiter war sie eine Erinnerung an eine Situation – aber ohne das passende Gesicht dazu.

Zwei Wahrheiten gleichzeitig:

Der andere Mensch weiß noch genau, wer man ist. Man selbst weiß es nicht - und manchmal merkt der andere nicht, dass man nichts dafür kann. Niemand hat in dieser Situation etwas falsch gemacht, und trotzdem war sie für beide Seiten unangenehm.